Es war einmal…

Ich erinnere mich noch gut an die Zeiten, als wir dachten, Prinzessindas Virus sei nur wie jede gewöhnliche Grippe. Kurzlebig, nicht von langanhaltender Dauer, eine Erkältung ohne Nebenwirkungen.

Als dann der erste Lockdown kam, haben wir schön geschaut. Maskenpflicht über Monate hinweg. Ein Husten war wie eine offen ausgesprochene Drohung. Gefahr von außen, Sicherheit im Inneren. Klopapier war so wertvoll wie Gold, nur tausendmal nützlicher. Plötzlich gab es wieder 25 Kilo Säcke Zucker zu kaufen, Großpackungen waren im Trend.

Dann wurde es wieder besser. Der Sommer ließ uns aufatmen, lockte uns ins Freie, wir fühlten uns sicher und fast normal. Doch im Herbst kippte die gute Stimmung, schlug um in eine neue, heruntergespielte Panik. Die Zahlen stiegen rasant. Fünffach so hoch wie bei unserem ersten Lockdown, aber die Regierung setzte nur immer neue Pressekonferenzen an. Eine unnötiger als die andere, keine neuen Informationen, nur Spekulation.

Und das Unbehagen und der Groll der Stadt schwoll an. Es kam zu Demonstrationen. Angekündigt wie unangekündigt. Alle wollten ihre Meinung sagen, alle kannten die Regulierungen, keiner wollte sie befolgen. Der uralte Hass der Wiener und Wienerinnen stieg aus den Untiefen der U-Bahn-Schächte hervor und zeigte sich auf den Straßen der Innenstadt. Keine Maske galt als Gefahr, als ignorant, als freiheitsliebend und unvernünftig – als Alleinstellungsmerkmal.

Wir sahen nur mehr das, was andere uns sehen ließen. Ein Zoom-Meeting folgte dem nächsten. Ein Fallzahlenbericht nach dem anderen steigerte die missgelaunte Erwartung eines erneuten Lockdowns und dann war es schließlich soweit. Alles sperrte wieder zu. Keine Restaurants boten mehr ihre Plätze an, kein Café hatte Kundschaft, Kunst und Kultur war nur mehr über Lautsprecher zu bestaunen und die Seele der Stadt klang blechern.

Jeden Tag vor dem Laptop, Frischluft vom Fenster, Rausgehen nur mit Maske und bestimmtem Ziel. Keine Spontanität, keine Freiheiten und gleichzeitig alles, was wir immer wollten. Arbeiten, wie und wann wir es wollen. Keine Grenzen oder Regeln, wie wir unsere Zeit nutzen sollten und doch fühlten wir uns hilflos. Wir kannten dieses System nicht, kannten nur die Mauern unserer Festung, die wir liebevoll Alltag nannten.

Was also haben wir getan, mit der neu gewonnenen Zeit? Wir haben gelernt, diese Zeit zu nutzen. Wir haben gelernt, auf uns selbst zu hören, neu zu denken und um Ecken zu schauen. Eine richtige Richtung gab es nicht mehr, nur unendliche Möglichkeiten und zig Variablen. Paralleluniversen, denen wir selbst Platz machten, um sie zu entdecken.

Und heute? Heute blicken wir zurück und erkennen erstmals, dass das Ziel, das wir vor Augen hatten, ein schlechtes war. Das unsere alten Denkschemata in der neuen Welt nicht mehr funktionieren. Masken gibt es immer noch und manchmal stören sie uns auch noch, aber wir haben uns darauf eingestellt, gelernt, damit zu leben, uns angepasst.

Nichts ist mehr, wie es einmal war, aber wir haben uns damit abgefunden, dass es auch nie wieder so sein wird. Wir trauern keiner Illusion mehr nach, auch wenn die Politiker und Politikerinnen immer wieder versuchen, dass wir uns daran erinnern. Wir sind wieder menschlicher geworden, besinnen uns auf das, was ist, anstelle dessen, was war. Wir leben, wenn auch mit Einschränkungen, aber wir leben.

Wir atmen nach wie vor dieselbe Luft. Mit Vorsicht, aber wir atmen. Und wenn ich eins weiß, dann dass wir nicht den Fehler machen sollten, zurück zu wollen. Wir sind angekommen. Angekommen in einer neuen Welt. Einer Welt mit tödlichen Viren, einer Welt mit Masken und einer Welt, in der man ist, wer man ist, ohne Angst haben zu müssen, nur zu sein.

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