Nur zu meinem Besten

 

06:30

Das Läuten des Weckers riss mich aus dem Schlaf. Ich drehte mich nach rechts und sah meinen Mann, Thomas, wie er friedlich neben mir lag. Seine Brust bewegte sich langsam, fast schon im Takt, rauf und runter. Wenn ich ihn so ansah, und das tat ich beinahe zu oft, breitete sich ein warmes Gefühl in meinem Bauch aus. Als ich ihn damals mit knapp 19 das erste Mal im Hörsaal gesehen hatte, wusste ich, dass er und ich für einander geschaffen waren. Mit seinem ausdrucksstarkem Blick und seinem verschmitzten Lächeln ähnelte er meinem Vater. Oder zumindest dem Foto, dass ich von meinem Vater hatte.

Langsam strich ich Thomas übers Gesicht und er öffnete müde seine Augen. Er nahm meine Hand, drückte sie ganz fest und drehte sich wieder von mir weg. Ich musste schmunzeln. So war er eben. Mein Thomas.

6:46

Auf Zehenspitzen und mit langsamen Schritten machte ich mich auf den Weg in die Küche. Dort angekommen, sah ich noch die Scherben des Weinglases, welches mir gestern aus den Händen geglitten und in dutzend Teile zersprungen war. Ich war so ein Tollpatsch und hatte manchmal das Gefühl, zwei linke Hände zu haben. Deshalb war ich umso dankbarer für Thomas. Er half mir oft bei alltäglichen Dingen für die ich nicht das Geschick oder die Kraft hatte – eine normale Rollenverteilung nannte er das.

Ich machte Käseomelette und frischgepressten Orangensaft – das Lieblingsfrühstück von Thomas. Die morgendliche Routine war für uns, vor allem seitdem er von zuhause aus arbeitete, sowas wie ein Ritual geworden. Er sagte immer, dass er so besser in den Tag starten könnte und besonders nach der Sache mit dem Weinglas war ich es ihm schuldig. Ich wollte ihn glücklich machen.  

7:24

Ich hatte gerade den Tisch fertig gedeckt, als ich Thomas‘ Schritte im Flur hörte. Eine gute Sache hatte diese ganze Pandemie ja doch – ich hatte Thomas für mich allein. Ohne mich anzusehen, setzte er sich auf den hölzernen Küchensessel und begann zu essen. Er war wohl noch immer wütend wegen dem Glas und ein kurzer Herzschmerz zog durch meine Brust. Ich hatte Schuld an seiner schlechten Laune – wieder mal. Als ich mich gegenüber hinsetzte, blickte er endlich auf und ein kurzer Satz verließ seine Lippen: „Gibt es keinen Kaffee mehr?“ Es gab tatsächlich keinen Kaffee mehr und ich hatte vergessen einzukaufen. Wie dumm von mir. Ich stotterte eine Entschuldigung und er schnaufte. Mit einem Mal stand er auf, nahm seinen Frühstücksteller und ging in sein Arbeitszimmer.

Ich blieb allein in der Küche zurück.

10:14

Eier, Sauerrahm und natürlich Kaffee – dafür war ich in den Supermarkt gekommen. ‚Morgen werde ich es besser machen‘, dachte ich mir als ich nach den Kaffeebohnen griff. „Sabine?“, hörte ich eine bekannte Stimme neben mir rufen. Claudia, meine Arbeitskollegin, stand mit Ihrem Einkaufswagen vor mir und sah mich lächelnd an. „Wir haben uns ja ewig nicht mehr gesehen, wie geht es dir?“, fragte sie, während sie mich eindringlich ansah. Ich wusste, was sie dachte: seit dem Lockdown sah ich noch müder aus als sonst und bei den wöchentlichem Skype-After-Works, war ich auch nie dabei. Ich lächelte und stammelte etwas von ‚Schlecht geschlafen‘ und ‚Du weißt ja, Corona und so‘. Plötzlich sah sie mich besorgt an und hob ihre Hand in Richtung meines Gesichts. „Wieder hingefallen?“, fragte sie und sah auf den blauen Fleck auf meinem Wangenknochen.

„Ich bin ein echter Tollpatsch.“, antwortete ich lächelnd, während ich die Kaffeebohnen in den Einkaufswagen legte.

13:33

Ich saß am Küchentisch und arbeitete an einer Kampagne, als Thomas durch die Tür kam. Er erinnerte mich daran, dass heute ein Arbeitskollege und seine Frau zu uns zum Abendessen kommen würden und dass ich rechtzeitig anfangen sollte zu kochen. Ich hatte es selbstverständlich nicht vergessen, obwohl ich manchmal mein Gedächtnis, wie er es formulieren würde, wie ein Nudelsieb wäre. Thomas sah mich noch an und lächelte. „Tut mir leid wegen gestern – ich hoffe, dass du mir nicht böse bist.“, sagte er während er meine Haare zur Seite strich. Wie konnte ich ihm böse sein? Er half mir so gut es geht, brachte mir Blumen und kleine Geschenke.

Thomas war einfach zu gut für mich.

19:32

Wir hatten uns nach dem Essen ins Wohnzimmer gesetzt und tranken die Cocktails, die ich vorbereitet hatte. Auf Thomas‘ Wunsch gab es heute Mojitos und auch sein Arbeitskollege Peter und dessen Frau Verena schienen mit der Wahl zufrieden zu sein. Sie redeten über die Arbeit, denn auch Verena war in der selben IT-Firma angestellt. Ich saß da und lachte ab und zu mit, wenn sie sich über andere Kollegen lustig machten, doch in Stimmung kam ich trotz des Alkohols nicht. Thomas war den ganzen Abend bereits sehr distanziert gewesen. Während Verena und Peter Arm in Arm auf unserer dunkelgrünen Couch saßen, waren Thomas und ich gefühlte Meilen von einander entfernt. „Willst du uns nicht noch etwas zum Trinken holen?“, hörte ich Thomas plötzlich fragen. Ich nickte und machte mich auf den Weg in die Küche.

21:58

Peter und Verena waren vor etwa 10 Minuten gegangen und ich befüllte den Geschirrspüler als Thomas langsam den Raum betrat. Ich lächelte ihn an, doch mein Lächeln verschwand schnell als ich sein wutrotes Gesicht sah. Er packte mich fest am Arm und ein schmerzerfülltes Wimmern verließ meine Lippen. „Was sollte das?“, schnaufte er und ich sah ihn fragen an. Ich verstand die Welt nicht mehr. „Was sollte der Spruch über meinen Vater vorhin? Ja, er ist etwas launisch, aber was sollen Peter und Verena jetzt von uns denken?“ Ich kam nicht einmal dazu zu antworten. „Sie werden denken, dass du keinen Respekt vor meinen Eltern und mir hast. Willst du, dass sie so über dich denken?“, schrie er mich an und drückte meinen Arm so fest, dass ich glaubte er würde gleich brechen. Ich schüttelte den Kopf und flehte ihn an los zu lassen. Ich würde das nicht nochmal machen, versprach ich. Er ließ los und ich fiel vor Schmerzen zu Boden. Ohne mich eines Blickes zu würdigen, verließ er den Raum und ich blieb weinend am Boden liegen.

22:14

Ich stand vor dem Spiegel in unserem Badezimmer, als mein Blick über meinen Körper glitt. Wie konnte ich so sein? So tollpatschig? So vergesslich? So wertlos? Mein Blick blieb an meinen Armen hängen, an dem sich die Hämatome der letzten Wochen abzeichneten. Grün, blau, gelb. Doch das war nicht Thomas‘ Schuld – es war meine. Ich müsste besser werden. Nein, ich müsste perfekt werden. Denn alles was Thomas tat, tat er nur zu meinem Besten.

Die Geschichte von Sabine ist nur eine von vielen, denn Gewalt gegen Frauen ist in Österreich die harte Realität. Jede fünfte Frau wird in ihrem Leben Opfer von physischer oder sexuelles Gewalt, meist begangen durch ihren Partner oder Ex-Partner. Das ist insbesondere hinsichtlich der derzeitigen Ausgangsbeschränkungen, eine nicht zu unterschätzende Problematik – seit dem Lockdown-Beginn ist die Zahl der Anrufe bei der Frauen-Helpline um 38% gestiegen.